Andrea Kel­ler: Mit der „Pie­monte“ in die Pen­sion, ein Damp­fer­tag auf dem Lago Maggiore

Der Rad­damp­fer Pie­monte ist in der Schweiz ein sel­te­ner Gast. Ges­tern war es wie­der so weit: dank einer pri­va­ten Initia­tive sorgte das Schiff in Locarno sowohl für Ein­hei­mi­sche wie von weit her gereiste Fans aus halb Europa für Auf­se­hen. Urs von der Crone char­terte den ein­zi­gen Lan­gen­see­damp­fer für neun Stun­den und schrieb zwei Fahr­ten über schiffs­nahe Kanäle aus. 145 Fahr­gäste benutz­ten um 10.00 Uhr die Fahrt ab Arona nach Locarno, 110 in umge­kehr­ter Rich­tung ab 14.30 Uhr. Damit ist die «Pie­monte» heuer auf den 4. Betriebs­tag gekom­men, seit 2006 sind es somit 134 Tage, an dem der Rad­damp­fer gefah­ren ist.

Bevor ich um halb drei in Locarno den Rad­damp­fer besteige, fahre ich mit der «Airone» den öV-Kurs nach Maga­dino und zurück. Die Lan­gen­see-Schiff­fahrt ist seit eini­ger Zeit im Fokus der Kri­tik. Mit die­ser Fahrt will ich mir sel­ber ein Bild machen. Das Ticket kann ich weder an Land noch auf dem Schiff lösen. Net­ter­weise bringt mir der Sta­ti­ons­vor­stand von Maga­dino das Bil­let samt Retour­geld an der End­sta­tion aufs Schiff, nach dem die­ser per Handy von der Mann­schaft der «Airone» auf­ge­bo­ten wird. Für die 20-minü­tige Fahrt zahle ich CHF 14.80 retour. GA und Halb­tax sind nicht gül­tig. Das Schiff ist laut, man ver­steht das eigene Wort nicht. Ich nehme auf einem der starr mon­tier­ten Scha­len­sitze Platz. Ich kann die Kri­ti­ker aus den Tou­ris­mus­krei­sen rund ums Schwei­zer Becken begrei­fen. Das Schwei­zer Publi­kum ist sich in der Tat an einen andern Stan­dard gewohnt.

Andrea Kel­ler – eine Per­sön­lich­keit in der Schwei­zer Schifffahrt

Einer, der 38 Jahre lang für Ver­bes­se­run­gen ein­ge­stan­den ist, geht nun Ende kom­mende Woche in Pen­sion. Andrea Kel­ler, Betriebs­lei­ter der NLM für das Schwei­zer See­be­cken, bestä­tigt mir im Gespräch auf der Damp­fer­fahrt von Locarno nach Arona, dass es stets schwie­rig war, „den Ele­fan­ten der ita­lie­ni­schen Büro­kra­tie“ zu bewe­gen. Auf die Frage, was die High­lights in sei­ner beruf­li­chen Kar­riere gewe­sen sind, kommt Kel­ler auf Men­schen zu spre­chen. Künst­ler, Poli­ti­ker und Ade­lige erfreu­ten sich am und auf dem Lan­gen­see und sie erfreu­ten sein Herz: „Die Königs­fa­mi­lie von Schwe­den Karl Gus­tav mit Gemah­lin Sil­via, der gesamte Bun­des­rat, als Fla­vio Cotti Bun­des­prä­si­dent war, Graf Ber­na­dotte von der Mainau, der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Jac­ques Chi­rac und viele mehr.“ Zu den posi­ti­ven Erin­ne­run­gen gehö­ren für Andrea Kel­ler auch die schö­nen Kon­takte zum VSSU, dem Ver­band Schwei­ze­ri­scher Schiff­fahrts­un­ter­neh­men. „Fri­do­lin Hefti, Hans Häfeli, Hans Rit­ter, Hans Mei­ner, Ueli Sin­zig, Hugo Berch­told, Fritz Fleisch­mann, Ueli Hal­ler, Fran­cesco Beretta Pic­coli, Kon­rad Eberle, ..“ und viele mehr nennt er in einem Atem­zug; alles ehe­ma­lige Direk­to­ren und Lei­ter von Schiff­fahrts­ge­sell­schaf­ten, von denen er mit vie­len bis heute freund­schaft­lich ver­bun­den ist. Er ver­lässt – als Dienst­äl­tes­ter des VSSU – nun auch die­ses „Schiff“.

Gab es auch schwie­rige Momente in Ihrer Berufs­lauf­bahn?“, möchte ich wis­sen. Andrea Kel­ler braucht nicht lange zu über­le­gen, seine Ant­wort kommt subito: „Das war der Streik in die­sem Som­mer“. Ich erwarte nun die Posi­tion des Betriebs­lei­ters, der gegen Gewerk­schaf­ten und Sozi­al­part­ner­schaft wet­tert. Doch bei Nich­ten. Auch hier spricht der Men­schen­freund aus sei­nem Her­zen: „Ich war in all den Jah­ren ver­ant­wort­lich für die Inter­es­sen der Firma und für das Per­so­nal. Dass Arona allen 34 Schwei­zer Schiffs­leu­ten ohne Vor­ankün­di­gung gekün­digt hat, konnte ich weder ver­ant­wor­ten noch mit­tra­gen.“ Dass auch ihm die Kün­di­gung eröff­net wurde – nota­bene auf das Datum zwei Monate nach sei­ner Pen­sio­nie­rung – machte es ihm ein­fa­cher, gegen jedes klas­si­schen Füh­rungs­ver­ständ­nis sein Team zu unter­stüt­zen. Typisch Andrea Kel­ler auch in die­ser schwie­ri­gen Situa­tion: Als er bald dar­auf den NLM-Direk­tor in Arona traf, schmun­zelte Kel­ler und bedankte sich beim Diret­tore für die Ver­län­ge­rung sei­ner Anstellung…

Tur­bu­lente Zei­ten erlebt

Der Streik dau­erte 20 Tage, mit­ten in der Sai­son. Ein sel­te­nes Ereig­nis in der Schweiz und ent­spre­chend war die Reso­nanz im gan­zen Land gross. 13 451 Unter­schrif­ten brach­ten die drei Gewerk­schaf­ten Unia, SEV und OCST zusam­men, über­reicht von soli­da­ri­schen Schif­fer­kol­le­gen vom Gen­fer- bis zum Boden­see. Der Tes­si­ner Regie­rung war es zu ver­dan­ken, dass ab dem 15. Juli, kurz vor der Eröff­nung des inter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals Locarno, die Schiffe wie­der fah­ren. Andrea Kel­ler: „Hin­ter­grund der Kün­di­gun­gen war das unter­schied­li­che Lohn­ni­veau zwi­schen dem Luga­ner- und Lan­gen­see.“ Dabei wäre es um etwa 20 % Lohn­ein­bus­sen bei den neuen Ver­trä­gen gegan­gen, das sind immer­hin 1000 Fran­ken weni­ger Lohn pro Monat im Schnitt.

Aber warum inter­es­siert der Lan­gen­see die Löhne vom Luga­n­er­see? Fak­tor 1: Die ita­lie­ni­sche (staat­li­che) NLM will das jähr­li­che Defi­zit von 700 000 Fran­ken, das sie für den Kurs­ver­kehr im Schwei­zer Becken aus­wei­sen, nicht mehr län­ger tra­gen. Sie haben ange­kün­digt, per 2018 die Fahr­ten im Schwei­zer Becken zu strei­chen. Fak­tor 2: Auf dem Luga­n­er­see führt seit dem Som­mer 2015 der neue Inha­ber der SNL, Ago­s­tino Fer­razzini, eine neue Stra­te­gie. GA und Halb­tax sind dort neu gül­tig, das Restau­ra­ti­ons­an­ge­bot wird belebt und ein neuer Fahr­plan soll die Kun­den­be­dürf­nisse bes­ser abde­cken. Der Tou­ris­mus hofft auf Bele­bung. Fak­tor 3: Im Mai 2016 wird der von 1992 geschlos­sene Staats­ver­trag zwi­schen der Schweiz (Depar­te­ment UVEK) und Ita­lien (Minis­te­rium für Infra­struk­tur und Ver­kehr) erneu­ert und dabei einige Punkte neu defi­niert. So wird die Klau­sel zur Beschäf­ti­gung einer Min­dest­an­zahl von Schwei­zer Staats­an­ge­hö­ri­gen wegen des Per­so­nen­frei­zü­gig­keits­ab­kom­mens gestri­chen und es soll erlaubt wer­den, den Markt im Sinne „pri­va­ter Dienst­leis­tun­gen zusätz­lich zum Ser­vice public“ zu öff­nen. Fak­tor 4: Die Tes­si­ner sind mit der NLM unzu­frie­den; ihnen scheint jede Ände­rung bes­ser zu sein als der Ist-Zustand. Fak­tor 5: Die Tes­si­ner Regie­rung will eine attrak­tive Schiff­fahrt auf bei­den Seen. Sie ist bereit, für die 32 Lan­gen­see-Schiffs­leute die Lohn­dif­fe­renz für ein Jahr zu zah­len (2 gehen in Pen­sion), stellt aber Bedin­gun­gen: beide Seen müs­sen zusam­men arbei­ten, Ein­füh­rung des Halb­tax-Abos auf dem Lan­gen­see, Ver­pflich­tung für den neuen Arbeit­ge­ber, bis Ende 2018 einen Gesamt­ar­beits­ver­trag auszuhandeln.

Und nun? Das weiss zur Zeit nie­mand so recht im Tes­sin. Auch Andrea Kel­ler nicht: „In zwei Mona­ten beginnt das neue Jahr, bald dar­auf die neue Sai­son. Es herrscht Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit.“ Es ist die Rede von einem neuen Kon­sor­tium unter der Lei­tung vom Luga­n­er­see-Chef Ago­s­tino Fer­razzini. Könnte das Kon­sor­tium nicht die his­to­ri­schen Ein­hei­ten „Pie­monte“, „Del­fino“ und „Torino“ von der Shiptec in der Werft in Arona so umbauen, dass sie als Bijoux dem Stan­dard des inter­na­tio­na­len Tou­ris­mus genü­gen – die Inves­ti­tio­nen wären rea­lis­ti­scher­weise rasch amor­ti­siert – möchte ich von Andrea Kel­ler wis­sen. Er schaut mich ungläu­big an, will weder wider­spre­chen noch zustim­men und meint nach eini­gen Momen­ten: „Da ich in weni­gen Tagen in Pen­sion gehe finde ich es rich­tig, dass sich die neue Lei­tung mit sol­chen Ent­wick­lun­gen befas­sen soll. Ich hoffe, dass alles, was unter­nom­men wird, im Inter­esse des Tou­ris­mus des Schwei­zer­see-Beckens sein wird. Die Navi­ga­zione liegt mir nach wie vor am Her­zen und ich werde mich auch in Zukunft dafür inter­es­sie­ren, ander­seits freue ich mich jetzt auf meine Pen­sio­nie­rung. Denn ich habe noch viele Projekte“.

Inzwi­schen legen wir in Stresa an, erste Gäste ver­las­sen die „Pie­monte“. Fah­les Herbst­licht beglei­tet uns auf der letz­ten Fahrt­stunde nach Arona, die Lich­ter gehen an, die Dun­kel­heit bricht lang­sam ein. Eine denk­wür­dige Fahrt geht zu Ende, beglei­tet mit dem Grand­segnieur der Schwei­zer Schifffahrt.

Die „Pie­monte“ ver­lässt Locarno für eine «Ehren­runde» für die Fotografen.

Blick ins Steu­er­haus, im Hin­ter­grund Locarno

Andrea Kel­ler war vor 1980 für die FART tätig, wurde dann Hafen­meis­ter und drei Jahre spä­ter Betriebs­lei­ter der NLM des Schwei­zer Beckens berufen.

Das Steu­er­rad wird noch ohne Ser­vo­un­ter­stüt­zung bedient.

Die vier Haupt­ak­teure auf einen Blick: der Orga­ni­sa­tor Urs von der Crone, Rei­se­lei­te­rin Cate­rina Zago, noch-Betriebs­lei­ter Andrea Kel­ler und Kom­men­ta­tor Mario Gavazzi.

Erfreu­lich viel jun­ges Publi­kum an Bord der «Pie­monte“, hier vom Blick­win­kel der Maschi­nis­ten – die 50-jäh­rige Damp­fer­be­we­gung ist mit der «Pie­monte“ gebo­ren wor­den und braucht heute Nach­wuchs mehr denn je.

Am Mor­gen und Abend schlei­ert der Nebel eine melan­cho­li­sche Stim­mung über den Lago Mag­giore, im Hin­ter­grund schwach der Rocca di Angera sicht­bar. Lei­der sind die majes­tä­ti­schen Mas­ten ver­schwun­den; ein Krüp­pel-Mast bringt nun den Damp­fer in opti­schen Misskredit.

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Wei­ter im Text

Andrea Kel­ler erzählt“, Dampf­er­zei­tung 4/2010.

Impres­sum

Bil­der 5 und 7 M. Eisl, Text und übrige Bil­der H. Amstad (Aktua­li­sie­rung Mai 2021)

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