Schiffs­ro­chaden auf dem Neckar: die alte „Lise­lotte von der Pfalz“ wird Schwei­zerin, die neue kommt aus Öster­reich.

Bei meinem Besuch bei der Weissen Flotte Hei­delberg ruht die Schiff­fahrt auf dem Neckar noch. Aber im Hin­ter­grund laufen die Sai­son­vor­be­rei­tungen auf Hoch­touren. Geschäfts­führer Karl Hof­stätter kommt am Morgen früh aus Mondorf zurück, dort ent­steht zur Zeit ein Neubau der Lux-Werft für seine Flotte. Gleich­zeitig wird auch an einem andern Ort auf Hoch­touren gear­beitet: In Neckar­stein wird die ehe­malige „Hall­statt“ zur neuen Neckar­fähre umfunk­tio­niert. Auch im Büro herrscht Hoch­be­trieb, zahl­reiche Reser­va­tionen gilt es zu bear­beiten. Auf 150 000 Hei­del­berger kommen jährlich 3,5 Mil­lionen Tou­risten. Da kommt Hof­stätter ins Schwärmen: „Ein solches Potenzial gibt es nicht häufig in Deutschland“. Die Medaille habe aber auch eine Kehr­seite, meint der Unter­nehmer: „Zu lange wurde nur ‚gezogen’ und nicht inves­tiert. In Sachen Dienst­leis­tungs­haltung herrscht Auf­hol­bedarf. Die Hei­del­berger sind schwer zu haben für Inno­va­tionen, wenn ich da zum Bei­spiel an die herr­lichen Quai­an­lagen von Städten an andern Flüssen denke.“ Ich kann das bestä­tigen: an beiden Ufern des Neckars führen Haupt­strassen durch, der Fluss und somit die Schiffs­an­le­ge­stellen sind städ­te­baulich vom Puls der Stadt abge­schnitten, die Stadt erscheint mir etwas ältlich und ver­staubt. Die Massen von Tou­risten strömen ins Schloss und sind über die urtüm­lichen und sehr zahl­reichen Gast­häuser ent­zückt. Nach einer oder höchstens zwei Über­nach­tungen sind sie wieder weg.

Die Geschichte der Neckar-Aus­flugs­schiff­fahrt reicht ins Jahr 1925 zurück. 1972 haben sich drei Hei­del­berger und zwei Neckar­steinacher Unter­nehmen zur soge­nannten Rhein-Neckar-Fahr­gast­schiff­fahrt (RNF) zusammen geschlossen, einem losen Verband. Die fünf Gesell­schafter brachten damals 14 Schiffe in die neue Gesell­schaft ein. Hof­stätter: „Das war immerhin schon was, obwohl jeder immer noch für sich selber wirt­schaftete und deshalb die Moti­vation für eine Wei­ter­ent­wicklung fehlte.“

Karl Hof­stätter ist ein Schiff­fahrts­un­ter­nehmer mit Herzblut. Er stand schon mit neun Jahren unten am Neckar­wasser, schaute fas­zi­niert den Schiffen zu und half an Bord eines Fahr­gast­schiffes auch mal mit. Nach dem Abitur war für ihn der Wer­degang klar: Sein Traum einer Schif­fer­aus­bildung wurde bei der KD in die Tat umge­setzt. Noch nicht 30 machte er erste Erfah­rungen als Unter­nehmer: er liess nach seinen Ideen das Fluss­kreuz­fahrt­schiff Liberté umbauen und fuhr dieses 26 Jahre lang durch Europa. «Mich zog es dann wieder in die Heimat.“ 2009 kann Karl Hof­stätter die MS Europa und MS Georg Fischer von einem der fünf Firmen über­nehmen. 2012 erwirbt er weitere Schiffe von unter­schied­lichen Eignern. Nach und nach werden alle Schiffe reno­viert und tech­nisch überholt. 2013 fusio­nieren die noch zwei übrig­ge­blie­benen Gesell­schaften: die Bossler OHG mit den Schiffen Alt Hei­delberg und Ger­mania und die Flotte von Karl Hof­stätter. Es ent­steht die „Weisse Flotte Hei­delberg“. 2014 wird die „Georg Fischer“ nach Heil­bronn ver­kauft, 2016 erhalten die Hei­del­berger erstmals seit 47 Jahren ein neues Schiff. Die Zahl der beför­derten Pas­sa­giere liegt pro Jahr bei rund 200 000, dies bei einem Mit­ar­bei­ter­stand von 15 Ganz­jahres-Beschäf­tigten und wei­teren 40 in der Haupt­saison.

Nun ist das Augenmerk von Karl Hof­stätter auf die Erneuerung der Flotte gerichtet. Am 7. Mai 2016 steht die Jung­fern­fahrt seines neuen Event­schiffes Königin Silvia* auf der Agenda: «Das wird ein tolles Schiff.“ Er zeigt mir auf dem Smart­phone den momen­tanen Bau­zu­stand in Bildern. Wie immer kurz vor der Ablie­ferung kann man sich kaum vor­stellen, dass das Schiff am 7. Mai in Betrieb kommen soll, so viel gibt es noch zu tun. Auch noch viel zu tun gibt es bei der «Lise­lotte von der Pfalz» II. Auf meinem Werft­besuch in Neckar­steinach (Werft Ebert) sehe ich, dass rostige Stellen und alte Farbe abge­schliffen werden. Dieses Schiff sah ich letztmals in Hall­statt, es wartete auf einen Käufer. Bei der Ein­weihung der neuen „Hall­statt“ am 23. Mai 2015 kam es noch zur Umtaufe des alten Schiffes in „Krip­pen­stein“.

Die Initiative, die ex-“Hallstatt“ vom öster­rei­chi­schen Salz­kam­mergut ins deutsche Hei­delberg zu trans­fe­rieren, kam vom Schweizer Beat Schär, Inhaber und Betreiber der Firma Olagomio** in Murten. Hof­stätter: „Schär wollte mit Nach­druck unsere ‚Lise­lotte von der Pfalz’ kaufen, ein his­to­ri­sches Schiff aus dem Jahr 1925. Für mich hatte der Verkauf keine Prio­rität. Als Beat Schär dann aber mit dem Vor­schlag der ex-„Hallstatt“ kam, fing das an, inter­essant zu werden. Wir reisten an den Hall­stät­tersee und wir waren von Anfang an begeistert vom Schiff. Für unseren Zweck hat es eine gute Raum­ein­teilung, ist je einen Meter länger und breiter als die alte ‚Lise­lotte’ und hat ein Oberdeck. Roll­stühle, Kin­der­wagen und Fahr­räder können wir neu mit­nehmen.“ So hat das Schiff mit Baujahr 1972 Hall­statt am 29. Dezember 2015 ver­lassen und wird nun zur neuen „Lise­lotte von der Pfalz“ II. Und am 2. März 2016 ist die alte „Lise­lotte von der Pfalz“ I aus Deutschland in der Schweiz ange­kommen und wird nun zur „Murten“. Schiffe sind ein nach­hal­tiges Produkt!

Beat Schär: „Die ‚Lise­lotte’ wurde via Neckar und Rhein nach Mannheim (Hafen Rheinau) über­führt. Vom 29. Februar nachts bis zum 2. März früh­morgens fand der Stras­sen­transport nach Sugiez am Broye­kanal statt. Noch glei­chentags wurde das 34 Tonnen-Schiff mit dem Pneukran ein­ge­wassert und die Auf­bauten wieder mon­tiert. Dann erfolgte die Über­fahrt nach Murten und seither sind wir am Ein­richten des klas­si­schen Schiffes beschäftigt. Wir sehen vor, den Charter-Betrieb Mitte April auf­zu­nehmen.“

Die Schiffs-Agentur plant für 2017 je eine Fahrt mit beiden „Lottis“: anfangs Jahr mit der alten „Lise­lotte von der Pfalz“ in Murten und Ende August eine Drei­ta­ges­reise zur „Lise­lotte von der Pfalz“ II (inkl. Muse­ums­schiff DS Mainz in Mannheim). Die Rei­se­aus­schrei­bungen werden ab Herbst 2016 ver­öf­fent­licht.

Das bis­herige Flagg­schiff Europa, hier vor der gross­ar­tigen Kulisse Hei­del­bergs, muss bald seinen Titel abgeben an MS Königin Silvia.

MS Königin Silvia, hier noch in der Lux-Werft in Mondorf.

Das ehe­malige Hall­stät­tersee-Schiff wird optisch in der Werft Ebert wieder auf Vor­dermann gebracht.

Karl Hof­stätter schaut zuver­sichtlich in die Zukunft.

Die alte „Lise­lotte von der Pfalz“ wird in Mannheim aus­ge­wassert und per Stras­senweg nach Sugiez gebracht.

Pro­be­fahrten auf dem Bie­lersee, der Bug ist noch unbe­schriftet.

Durch Klick aufs Bild erscheint dieses im Gross­format.

Am Schluss des Blogs ist Ihr Kom­mentar will­kommen.

Hin­weise

*) Das neue Flagg­schiff der Ree­derei erhält den Namen einer noch lebenden Per­sön­lichkeit der Zeit­ge­schichte: Königin Silvia von Schweden (*1943) wurde in Hei­delberg geboren.

**) Olagomio hat ihr MS Albatros auf den Untersee ver­kauft: Das Schiff wurde im Januar 2016 von Murten nach Solo­thurn gefahren und mit einem Stras­sen­trans­porter in die Ost­schweiz gebracht, www​.unter​see​schiff​fahrt​.ch. Die Olagomio betreibt aus­serdem MS Murten den Schrau­ben­dampfer Sirius.

***) Die Weisse Flotte Hei­delberg besteht aus: MS Königin Silvia (2016, Lux-Werft Mondorf, 600 Per­sonen), MS Europa (1969, Schiffs­werft Schmidt Ober­winter, 500 Per­sonen), MS Alt Hei­delberg (1968, Schiffs­werft Ebert Neckar­steinach, 500 Per­sonen), MS Schloss Hei­delberg (ex-Brun­hilde, ca 1928, seit 1984 auf dem Neckar, 500 Per­sonen), MS Merian (500 Per­sonen), MS Ger­mania (1959, Schiffs­werft Schmidt Ober­winter, 200 Per­sonen), MS Lise­lotte von der Pfalz (ex-Hallsatt, 1972, seit 2016 auf dem Neckar, 65 Per­sonen).

Quellen

Text und Bilder 3 und 4 H. Amstad,

Bild 1 Ch. Ecken,

Bild 2 K. Hof­stätter,

Bild 5 B. Schär,

Bild 6 R. Graf.

Weiter im Text

Olagomio AG, www​.olagomio​.ch / Weisse Flotte Hei­delberg, http://​www​.weisse​-flotte​-hei​delberg​.de / Video (Link)

Bewertung abgeben 🙂

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 SterneLoading…