Unterwegs auf Flüssen: das Kreuz­fahrten-ABC (2. Teil)

Im letzten Jahr waren allein auf den euro­päi­schen Flüssen 350 Fluss­kreuz­fahrt­schiffe unterwegs, davon rund 150 unter Schweizer Flagge. Mil­lionen geniessen diese geruhsame Rei­seart, wo Koffer und Bett gleich mit­reist. Das fol­gende kleine Handbuch soll den Ein­stieg erleichtern.*

J Jah­reszeit zum Reisen

Von März bis Dezember ist immer Kreuz­fahr­ten­saison, jede Saison hat ihren beson­deren Reiz. Im Frühling und Spät­herbst sind die Preise nach­fra­ge­be­dingt deutlich tiefer. Ich wähle in der Regel im Som­mer­halbjahr eine Kabine im güns­ti­geren Unterdeck, da ich nur die Nacht in der Kabine ver­bringe und sonst das Bord­leben auf dem Son­nendeck geniesse. Im Win­ter­halbjahr wähle ich hin­gegen eine mit fran­zö­si­schen Bal­konen, weil der Auf­enthalt auf dem Freideck wit­te­rungs­be­dingt nicht so angenehm ist.

Kabi­nenwahl

Kabinen unter­scheiden sich haupt­sächlich darin, auf welchem Deck sie sich befinden. Es gilt: Mit jeder höheren Etage (Unterdeck, Hauptdeck, Oberdeck) wird der Preis deutlich teurer. Wegen der Nähe der Motoren, resp. Gene­ra­toren sind Heck­ka­binen oft güns­tiger. Die Grösse der Kabine unter­scheidet sich innerhalb eines Schiffes in der Regel nicht. Ein­zel­ka­binen sind selten anzu­treffen, jedoch gibt es Rabatte beim Bezug einer Dop­pel­kabine zur Allein­be­nützung. Es gibt einige Ver­an­stalter, die auf einen Auf­schlag für Allein­rei­sende ver­zichten, hin­gegen nur in der Kabi­nen­ka­te­gorie des unteren Decks. Ein wei­teres Unter­schei­dungs­merkmal besteht zwi­schen Kabinen mit zu öff­nenden Fenstern (meist mit fran­zö­si­schen Bal­konen) und jenen mit nicht zu öff­nenden Fenstern (Kli­ma­anlage mit zurei­chender Frisch­luft­zufuhr). Ent­scheidend für die Wahl (Deck und Fenster) sind die indi­vi­du­ellen Bedürf­nisse und die Mög­lich­keiten des Porte­mon­naies.

L Land­aus­flüge

Mich erstaunt immer wieder, wie beliebt Land­aus­flüge sind. Ich bestelle sie jeweils nicht im Voraus. Einen ruhigen Moment auf dem Schiff zu haben ist sehr wohl­tuend, weil ich auf der Fahrt immer was zu sehen habe. Oft legen die Schiffe mitten in den Städten an, wo man zu Fuss auch alleine die Umgebung ent­decken kann. Und schliesslich kommt es vor, dass während des Land­aus­fluges das Schiff wei­ter­fährt und die Land­aus­flügler später wieder an Bord kommen.** Ein­zelne Aus­flüge können auch an Bord gebucht werden. Wer alle Aus­flüge machen will zahlt voraus im sog. Aus­flug­s­paket weniger als bei jedem ein­zelnen Ausflug an Bord.

M Mann­schaft

Die nau­tische Crew besteht aus einem bis drei Schiffs­führern, wobei einer davon den Status als Kapitän hat. Diese Anzahl ist abhängig von der Fahr­dauer, rsp. Längen der Pausen des Schiffes pro 24 Stunden. Meistens sind fünf Per­sonen für die Nautik zuständig: nebst den Schiffs­führern ein Maschinist, der für alles Tech­nische an Bord ver­ant­wortlich zeichnet und zwei Matrosen. Der Anteil an Frauen ist hier auf­fallend tief.

Der ganze Hotel­be­reich steht unter der Leitung des Hotel­ma­nagers, resp. der Hotel­ma­na­gerin. Je nach Anzahl Betten schwankt diese Besatzung zwi­schen 8 und 20 Gast­geber und Gast­ge­be­rinnen. Dazu gehören der Küchen-Staff, der Restaurant- und Bar­service, das House­keeping, die Rezep­tio­nistin und ein Nach­wächter. Grund­sätzlich sind sowohl die nau­tische wie die Gastro-Crew mul­ti­kul­turell, bestehend aus bis zu 10 Nationen. Aus fis­ka­li­schen Gründen stammen viele Arbeitnehmer/​innen aus Ost­europa oder Asien.

Die Rei­se­leitung hat einen Son­der­status und ist nicht von der Ree­derei ange­stellt, sondern vom Rei­se­ver­an­stalter (Charter).

N Nacht­fahrten

Nacht­fahrten sind ein viel dis­ku­tiertes Thema unter den viel­fah­renden Kunden. Die Einen lieben sie, weil sie dadurch viel Zeit haben für die Land­gänge, die nur tagsüber statt­finden können. Die Anderen hassen Nacht­fahrten, weil sie sich beim Schlafen an den Schiffs-Geräu­schen stören und sie vor allem wegen der Fluss­land­schaft und dem Schiff­fahren an Bord sind. Die Ange­bots­pa­lette von „nur nachts“ bis „nie nachts“ ist breit; ein genauer Blick aufs Pro­gramm lohnt sich.

Manchmal bestimmen aber externe Umstände, ob nachts gefahren wird oder nicht. Wer in sieben Tagen von Passau zur ser­bisch-kroa­ti­schen Grenze bei Mohàcs und zurück fahren will, muss nachts fahren, da es 1556 km zurück zu legen gilt! Oder: Auf dem Neckar z.B. wird nachts nie gefahren, da dann die Schleusen nicht bedient werden.

O Omas und Opas

Der Kreuz­fahrt im All­ge­meinen und der Fluss­schiff­fahrt im Spe­zi­ellen haftet das Image der fah­renden Alters­heime. Dieses Urteil gilt oft als Vorwand, auf solche Reisen ganz zu ver­zichten. Ich ent­decke eine Gegend per Schiff regel­mässig seit 30 Jahren und ich fühlte mich auf keiner ein­zigen Fahrt ein­ge­schränkt oder gar belästigt durch ältere Leute mit beson­deren Bedürf­nissen. Rein feri­en­tech­nisch haben in den Neben­saisons Rentner Zeit für Reisen; das Durch­schnitts­alter ist an Bord in der Regel hoch. In den Schul­ferien findet man aber ver­mehrt Familien vor.

Nach einer Erhebung von River Cruise waren 2015 im deut­schen Markt 10 % über 76, je 30 % der Kunden zwi­schen 66 und 75 resp. 56 und 65. 20 % waren jünger als 55. Ich sehe den Haupt­grund dieser Alters­struktur in erster Linie in den zeit­lichen und finan­zi­ellen Mög­lich­keiten. Noch nie zuvor ging es im Schnitt älteren Leuten wirt­schaftlich so gut wie heute.

P Preise und Kosten

Nebst der Wahl des Fahr­ge­bietes und des Schiffes ist der Preis ein wei­teres ( – >) Wahl­kri­terium. Grob kann man fol­gende Faust­regel anwenden: Wenn ein Angebot unter 200 Franken ist pro Tag und pro Person gilt das als sehr günstig (Neben- oder Win­ter­saison oder Ein­schrän­kungen im Service). Angebote über 300 Franken pro Tag bieten gute Leis­tungen wie Kabine mit fran­zö­si­schen Bal­konen. Ein inter­es­santes Preis-/Leis­tungs­ver­hältnis bewegt sich zwi­schen 200 und 300 Franken pro Tag. Diese Faust­regel beinhaltet die Voll­pension sowie die Über­nach­tungs­kabine mit Voll­service und gilt mit der An- und Rück­reise zum und vom Schiff auf der Basis Bus oder Bahn. Bei teu­reren Ange­boten handelt es sich in der Regel um besondere Leis­tungen wie Flüge (z.B. Duoro in Por­tugal, rus­sische oder Flüsse im fernen Osten), sehr luxu­riöse Schiffe oder kleinere, indi­vi­du­ellere Schiffe mit bis 30 Per­sonen (z.B. kroa­tische Küste, Göt­akanal oder das Kanal­system von Eding­burgh).

Wer indi­vi­duell reisen oder an Ort länger bleiben möchte bieten die Ver­an­stalter in der Regel Preis­nach­lässe an.

Die Grund­leis­tungen werden im Voraus bezahlt. Eine Rei­se­ver­si­cherung ist in jedem Fall zu emp­fehlen (oft obli­ga­to­risch), falls man kurz­fristig auf das Erlebnis ver­zichten muss. An Bord kommen per­sön­liche Aus­lagen, die Kosten der Aus­flüge (falls nicht vor­gängig gebucht) und die Getränke dazu und werden per Kre­dit­karte bezahlt. Dazu kommen –> Trink­gelder, die einen festen Lohn­be­standteil für die Besatzung sind.

Fort­setzung folgt.

Auch im Winter sind Fluss-Kreuz­fahrten spannend. In dieser Jah­reszeit lohnt es sich, eher luxu­riösere Schiffe zu wählen, wie z.B. die „Thurgau Ultra“, das ehe­malige 6*-Schiff der Ree­derei Pre­micon („Pre­micon Queen“). Die „Sterne“ sind zwar unter dem Schweizer Anbieter Thurgau Travel (Dau­er­charter-Vertrag) etwas weniger, aber das Schiff strahlt wie eh und je eine Gross­zü­gigkeit aus, wie man es selten antrifft. Soeben ver­lassen wir das abend­liche Basel und unter­queren bei Son­nen­un­tergang die Fuss­gän­ger­brücke zwi­schen dem deut­schen Weil am Rhein und dem fran­zö­si­schen Hun­ingue.

Im Hin­ter­grund links ist das Drei­län­dereck zu sehen mit der Basler Per­so­nen­schiff­fahrt. Auf dem 10 a grossen Son­nendeck erwartet ein Schach ent­spre­chende Spieler.

Ein hol­län­di­scher Par­ti­kulier begegnet uns vor einer win­ter­lichen Kanal-Allee.

Der attrak­tivste Platz auf der „Thurgau Ultra“ ist zwei­felsohne der grosse Salon, der sich über zwei Stock­werke stu­fen­artig vom Bug zum Mit­tel­schiff aufbaut und für jede Loun­ge­reihe freie Sicht nach aussen gewährt.

Das Restaurant ist edel mate­ria­li­siert.

Ein Blick ins abend­liche Schiff zeigt auf dem Mit­teldeck das Ende des abge­stuften Salons und auf dem Hauptdeck die Sauna und den Fit­nessraum.

Die „Thurgau Ultra“ ist ein Twin­cruiser, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht. D.h. die ganzen Energie- und Antriebs­ag­gregate befinden sich in einem 25 m langen, sepa­raten Schiff am Heck. Die blaue Ver­tikale kaschiert den Übergang zum Schub­verband.

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Weiter im Text

Teil 1 des Kreuz­fahrten-ABC (Link), Teil 3 erscheint dem­nächst.

Ergänzung

Aus­nahmen bestä­tigen die Regel, wo ich Aus­flüge eben­falls buche. So ist zum Bei­spiel das Aus­flug­s­paket beim Angebot des Donau­deltas sehr emp­feh­lenswert: fast alle Aus­flüge werden mit einem klei­neren Schiff unter­nommen. Macht mich ansonsten ein Landgang trotzdem „gluschtig“, so sind Ein­zel­bu­chungen auch an Bord noch möglich, wie z.B. auf der Loire mit dem Angebot, eine der grössten Schiffs­werften der Welt zu besich­tigen (St-Nazaire).

Techn. Daten MS Thurgau Ultra

2008 („Pre­micon Queen“ bis 2011, „Tui Queen“ bis 2013, „Queen Maxima“ 2014, „Thurgau Ultra“ ab 2015), Neptun Werft Rostock, Erstel­lungs­kosten 28 Mio EUR, L 135,00 m, B 11,40 m, T 1,6 m, 2 x MTU 8 V 4000M60, P 1 600 kW, 21 km/​h, 120 pax (und ca. 40 Crew), Inhaber: Pre­micon München, Ree­derei: KD Cruise Service Limassol (Zyprien), Dienst­leis­tungen Hotel- und Restau­rant­service: Gsell & Partner Luzern, Charter: Thurgau Travel Wein­felden, Schiffs­be­schreibung Link

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