Rei­se­be­richt: Denk­wür­dige Fahrt mit MS Vully von Neu­en­burg nach Twann zu Cap­tain Oli

Treff­punkt Bahn­hof­un­ter­füh­rung Neu­châ­tel beim Fun’ambule, der Mini-Metro der Kan­tons­haupt­stadt. Das selbst­fah­rende Stand­seilb­ähn­chen fährt uns 34 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Schiff­fahrts-Agen­tur-Reise hin­un­ter zum See, wo wir nach eini­gen Spa­zier­mi­nu­ten vor den Werft­to­ren der Navi­ga­tion sur les Lacs de Neu­châ­tel et Morat S.A. LNM ste­hen. Kapi­tän Lio­nel Huguenin begrüsst und führt uns durch die Räum­lich­kei­ten der Werft. Der in Neu­en­burg wohn­hafte Sébas­ten Jacobi, ver­sier­ter Ken­ner der Schwei­zer Pas­sa­gier­schiff­fahrt, über­setzt auf Deutsch. Die wenigs­ten unter uns haben bis­lang einen Blick hin­ter die Kulis­sen der LNM wer­fen kön­nen; ent­spre­chend gross ist das Inter­esse. MS Idée Suisse liegt auf­ge­dockt in der Halle.

Gleich im Werft­ha­fen Nid du Crô bestei­gen wir anschlies­send den bald 60-jäh­ri­gen Oldie namens «Vully» – ein aktu­ell in ver­schie­dens­ter Hin­sicht spe­zi­el­les Schiff. Es gilt als letz­tes noch im Ori­gi­nal­zu­stand übrig geblie­be­nes Bodan-Schiff vom Typ der Raub­vo­gel­klasse, die ihren Namen von fünf bau­glei­chen Boden­see-Schif­fen hat*. Diese präg­ten von 1953 bis 2004 das Bild der Klein­mo­tor­schiffe auf dem Schwä­bi­schen Meer. Sie sind mas­siv und dadurch nach­hal­tig gebaut, viele davon fah­ren umge­baut in halb Europa immer noch, nach­dem sich die deut­sche Boden­see­flotte von ihnen ver­ab­schie­det hat. Ist es über­haupt kor­rekt, bei MS Vully als Nicht-Boden­see­schiff eben­falls von die­ser Schiffs­klasse zu spre­chen? Schiffs­his­to­ri­ker Jürg Meis­ter meint dazu: «Strin­gent gese­hen trifft dies nur für die zitier­ten DB-Boote zu. Ob die Bodan­werft die ‘Vully’ als ‘Raub­vo­gel’ offe­riert hat, würde ich mit einem Fra­ge­zei­chen ver­se­hen. Dass das Neu­en­bur­ger-Schiff ein Raub­vo­gel-Abkömm­ling ist, sieht man ihm aber sehr wohl an – auch die tech­ni­schen Daten sind bei­nahe iden­tisch. Beim genauen Hin­se­hen ist die ‘Vully’ nicht ‘art­rein’: Der Bug ist gegen­über den DB-Schif­fen zugäng­lich für Pas­sa­giere, mit einer ent­spre­chen­den Türe im vor­de­ren Salon ver­se­hen. Dazu kom­men Blen­den an der hin­te­ren Salon-Ober­kante mit rein ästhe­ti­schem Gehalt.»

Und wo aus­ser auf dem Boden- und Neu­en­bur­ger­see gab es die­sen Schiffs­typ noch? Jürg Meis­ter: «Als orga­ni­sche Wei­ter­ent­wick­lun­gen resp. Ver­fei­ne­run­gen sind die ‘Léman Vedet­tes’ zu betrach­ten: MS Col-Vert von 1960 und MS Grèbe aus dem Jahr 1961.» Als Pro­to­typ kann das 1952 an die Stadt­werke Kon­stanz gelie­ferte MS Stadt Kon­stanz bezeich­net wer­den. Da eine voll­stän­dige Bodan-Schiffs­liste fehlt, resp. bis heute nicht öffent­lich zugäng­lich ist, kön­nen wei­tere Bau­ten die­ser Schiffs­klasse für deut­sche Gewäs­ser nicht aus­ge­schlos­sen werden.

Die mor­gend­li­che Fahrt durch den Zihl­ka­nal ist noch recht win­ter­lich. Trotz­dem kommt Stim­mung auf, auch dank Oli Perrot’s Chas­se­las aus Twann, der als Apéro ser­viert wird. In Twann ange­kom­men über­rascht uns Gast­ge­ber Oli; von Twann aus geht es mit sei­nem MS Bie­ler­see auf eine aus­ser­plan­mäs­sige Schiffs­rund­fahrt Rich­tung Lüscherz, wäh­rend wir die exklu­sive Twan­ner Tre­ber­wust genies­sen. Der Chef per­sön­lich steht in der Kom­büse und managt das Essen, wäh­rend René Stauf­fer das Steuer lenkt. Bevor wir wie­der mit MS Vully zurück zum Neu­en­bur­ger­see fah­ren – die­ses Mal im Glit­zer sanf­ter und wär­men­der Son­nen­strah­len – gibt es ein Schau­lau­fen der bei­den Oldies vor Twann. Das ist abso­lut ein­ma­lig und ent­zückt Schiffs­freunde wie Foto­gra­fen gleichermassen.

Zusam­men erzäh­len sie 122 Jahre Schif­fahrts­ge­schichte, die «Bie­ler­see» (links) und «Vully»… Text und Bil­der H. Amstad.

Oli Per­rot sucht seit Län­ge­rem ein Nach­fol­ge­schiff sei­ner «Bie­ler­see»; mor­gen reist er nach Hol­land und freut sich bereits heute, seine anvi­sierte, erst 12-jäh­rige Ein­heit zu inspi­zie­ren: „Ich darf noch 25 Jahre arbei­ten und mit die­ser neue­ren Ein­heit wäre dies ohne Pro­bleme mög­lich. Ich möchte gegen­über heute qua­li­ta­tiv und kom­fort­tech­nisch noch eine Schippe drauf­le­gen, obwohl meine alte Lady per­fekt funk­tio­niert.» An 165 Betriebs­ta­gen mit 180 Fahr­ten war er mit MS Bie­ler­see (ehe­mals MS Bür­gen­stock vom Vier­wald­stätter­see) im 2018 wäh­rend 890 Fahr­stun­den unter­wegs. «Vor­wie­gend Ban­kette aber auch viele Hoch­zeits­trans­porte zur und von der Peter­s­in­sel,» ergänzt er.

Nach sei­ner Rück­kehr fragte ich den Eig­ner, ob was draus wird? Oli: «Ich habe mir das Schiff ange­guckt und fand sel­ten ein tech­nisch so tol­les Schiff vor. Jede Finesse ist da ein­ge­baut. Es fährt sich auch toll! Die grosse Hürde ist nun die Ein­fuhr in die Schweiz, da es unver­ständ­li­cher­weise als Neu­bau gilt. Mit eini­gem Auf­wand müsste es aber mach­bar sein.» Eine wei­tere Hürde dürfte das Auf­trei­ben des Gel­des sein. «1,3 Mil­lio­nen muss ich zusam­men­brin­gen – ob mit Inves­to­ren, Part­nern oder Spon­so­ren…, ich bin für alle Lösun­gen offen.»

Viel­leicht haben wir auch mit MS Bie­ler­see eine der letz­ten Fahr­ten erlebt. Ob dies auch auf MS Vully zutrifft, lässt sich nur mut­mas­sen. Ver­mut­lich war es die Abschieds­fahrt, doch dies weiss eigent­lich nie­mand, auch die LNM nicht. Sébas­tien Jacobi: „Dass MS Vully ver­schwin­den wird ist klar. Aber man spricht davon seit eini­gen Jah­ren! Darum bin ich sehr zurück­hal­tend über eine dies­be­züg­li­che Aus­sage. Das Schiff wäre an sich gut, bie­tet aber keine Gas­tro­no­mie an und ent­spricht nicht dem heute gel­ten­den Behin­der­ten­ge­setz.» Auch der Orga­ni­sa­tor des heu­ti­gen Anlas­ses, Ste­fan Hells­tern, drückt sich diplo­ma­tisch aus: «Ich ver­mute, dass wir heute die letzte öffent­li­che Fahrt erleb­ten. In den Kurs­ver­kehr kommt das Schiff bestimmt nicht mehr.»

Die «Vully» legte von 1960 bis Ende 2018 total 374 773 Kilo­me­ter zurück. Die grösste Jah­res­leis­tung erreichte das Schiff 1965 mit 16 632 km; 2019 ist es bis heute rund 50 km gefah­ren. Zu Beginn sei­ner Lauf­bahn war das Schiff im Som­mer jeweils in Mur­ten sta­tio­niert und machte den Ser­vice publiq hin­über nach Praz und Môtier. Im Win­ter fuhr das Schiff in ähn­li­cher Funk­tion die Ver­bin­dun­gen zwi­schen Neu­en­burg und Cud­re­fin resp. Por­tal­ban. Bei star­ken Stür­men kam es auch mal vor, dass di Wel­len die Front­scheibe ein­ge­drückte und das Schiff dann mit einem Bret­ter­ver­schlag ver­se­hen musste. Im April 1983 besuchte der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Fran­cois Mit­ter­rand auf Ein­la­dung des dama­li­gen Bun­des­rats­prä­si­den­ten Pierre Aubert die Schweiz, Neu­en­burg und MS Vully. Der Sitz­bank hat seit­her an Bord eine Gedenk­ta­fel… Die bei­den Sozi­al­de­mo­kra­ten moch­ten es offen­sicht­lich spar­ta­nisch. Das Schiff war immer wie­der jah­re­lang kei­nem Kurs zuge­teilt. Zwi­schen 1993 und 2007 kam es dann wie­der zurück nach Mur­ten und bediente als sog. «Flexi-Boat» die Lokal­kurse auf Abruf**. 2016 sollte es erst­mals ver­kauft wer­den. Zu die­sem Zweck war es bereits in Sugiez, wo es neu zur Drei Seen Schiff­fahrts­ge­sell­schaft kom­men sollte. Nach der bau­li­chen Inspek­tion und Bekannt­wer­den der Reno­va­ti­ons­kos­ten konn­ten sich die dama­li­gen Ver­hand­lungs­part­ner aber nicht eini­gen, sodass der Ver­kauf nicht zustande kam. Seit 2017 liegt MS Vully haupt­säch­lich im Werft­ha­fen der LNM und war­tet auf ihr wei­te­res Schicksal.

Wir keh­ren nach sechs Stun­den Schiff­fahrts­er­leb­nis zurück nach Neu­en­burg. Sébas­tien Jacobi bringt es auf den Punkt, in dem er zum Abschluss meint: „Ich hatte eine rie­sige Freude an die­ser Fahrt mit MS Vully – es fuhr wun­der­bar und mir ist auf­ge­fal­len, alle hat­ten Spass daran. Auch das Essen auf MS Bie­ler­see von Cap­tain Oli war hervorragend.“

Start­punkt der Schiffs-Agen­tur-Reise war eine Werft­füh­rung im Nid du Crô. In der Halle war die „Idée Suisse“ aufgezogen.

Kapi­tän Lio­nel Huguenin im seit 1960 kaum ver­än­der­ten Steu­er­haus der „Vully“ im Zihl­ka­nal unterwegs.

Im Ser­vice unter­stützte uns Corinne Stauf­fer, Toch­ter von René Stauf­fer, der auf MS Bie­ler­see als Schiffs­füh­rer im Ein­satz stand. Corinne absol­vierte im Novem­ber 2018 erfolg­reich als erste Frau die Schiffs­füh­rer­prü­fung bei der LNM.

Der Tür­griff zum Aus­sen­deck der „Vully“: stil­volle Details eines 60-Jahr-Designs.

Das Win­ter­wet­ter hielt nie­man­den von einem Auf­ent­halt auf dem Aus­sen­deck ab.

Por­trait­auf­nahme MS Vully vor Twann.

Heck­an­sicht beim Foto­halt in La Tène.

Durch Klick aufs Bild erscheint die­ses im Grossformat.

Am Schluss des Blogs ist Ihr Kom­men­tar willkommen.

Bemer­kun­gen

*) Als Raub­vo­gel­klasse wer­den die fünf ehe­mals auf dem Boden­see von der DB genutz­ten Motor­boote bezeich­net. Die ers­ten vier Boote wur­den 1953 in Dienst gestellt, das fünfte dann als Nach­be­stel­lung 1957. Sie waren als Ergän­zung zu den bei­den Car­boo­ten Forelle und Hecht (spä­ter Grei­fen­see, dann SNG Luzern) und dem klei­nen Motor­boot Woge gedacht.

• Adler, 1994 ver­kauft, liegt heute als Pri­va­t­yacht Aura im öster­rei­chi­schen Mar­bach auf der Donau.

• Falke, im Novem­ber 1989 ver­kauft auf den Wolf­gang­see als „Schaf­berg“. Dann 1995 eben­falls als MS Schaf­berg an die Firma Meindl am Mond­see und ab 2009 auf die Donau als „Lil­o­fee“ bei Genuss­schiff­fahrt Gier­lin­ger, Obermühl.

• Habicht, 1990 ver­kauft auf den Vier­wald­stätter­see zu Ferdi Kauf­mann, Flüelen, neuer Namen „Wil­helm Tell“. 2018 Ver­kauf an Schiff­fahrt Urner­see AG von Mat­thias Stein­eg­ger und Renovation.

• Sper­ber, 1981 ver­kauft an die SGV (Vier­wald­stätter­see) und in „Bri­sen“ umbe­nannt. Am 27. Januar 1993 wurde es an einen nie­der­län­di­schen Eig­ner wei­ter­ver­kauft. Es soll heute in der Stadt Essen sta­tio­niert sein auf den Was­ser­we­gen von Rhein und Ruhr fah­ren, was sich aber vor Ort nicht bestä­ti­gen lässt.

• Milan, wurde anläss­lich der 1200-Jahr-Feier der bay­ri­schen Boden­see­ge­meinde Was­ser­burg auf den Namen Was­ser­burg umge­tauft. 2004 ver­kauft auf den Vier­wald­stätter­see zum Schiffs­be­trieb Ferdi Kauf­mann Flüelen. Kam dort nie zum Fah­ren, 2014 Abbruch. Die Ori­gi­nal-Schrift­züge und ein Teil vom Steu­er­bord­schanz­kleid sind seit 2007 im Hafen Was­ser­burg aus­ge­stellt. Quelle Flo­rian Scholz (Link).

**) Quelle B. Gross, Bateaux sur les lacs de Neu­châ­tel et Motat (Link)

Tech­ni­sche Daten des Bodan­werft-Bau­typs „Raub­vo­gel“

MS Stadt Kon­stanz: Stadt­werke Kon­stanz Boden­see, 1952, L 23.0 m, B 4.35 m, m 34 t, P 220 PS (162 kW), 85 pax

MS Adler, Falke, Habicht, Sper­ber, Milan: DB Boden­see, 1953/1957, L 25.0 m, B 5.4 m, T 1.11 m, m 39 t, P 220 PS (162 kW), v 22 km/​h, 125 pax

MS Vully: NLM Neu­en­bur­ger­see, 1960, L 25.6 m, B 5.80 m, T 1.25 m, m 39.75 t, v 25.8 km/​h, 130 pax

MS Col-Vert: CGN Gen­fer­see, 1960 L 28.3 m, B 5.80 m, P 294 kW, 130 pax

MS Grèbe: SMGN Gen­fer­see, 1961, L 28.3 m, B ? m, P 274 kW, v 27 km/​h, 170 pax

Wei­ter im Text

Mit MS Bie­ler­see nach Solo­thurn (Link), Kurs­spe­zia­li­tä­ten Neu­en­bur­ger­see (Link)

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